Montag, 22. Dezember 2008

Wenn es nur der Virus wär... (3)

Bis hier war diese Beitragsserie nichts als eine belanglose kleine Lästerei auf Kosten von Vater A. und Mutter A., sozusagen als Heimzahlung für die Geräusch- und Geruchsbelästigung im zwangsweise geteilten Krankenhauszimmer. Ab Samstag bekam das ganze für mich aber fast tragische Züge:

Freitagabend zog ich also als Ablösung für Z. in den "Container" ein. Vater A. ging gerade nach Hause, Mutter A. war mit dem Fernsehprogramm (K11, Die Auswanderer - Wer wird Millionär wurde weggezappt.) und den für sie offensichtlich lästigen Störungen durch die Krankenschwestern für die Pflege und Behandlung des Kindes beschäftigt. Es gab da also nicht viel zu reden.

Die Nacht war recht unruhig, in der ersten Hälfte wegen Nicolas, in der zweiten wegen NJ. So ist das eben, wenn die Babys krank sind, da hilft alles reden nichts. Mutter A. war durch beides wieder sichtlich genervt. Nicht, weil ihr Kind hustet oder Schmerzen oder Schwierigkeiten beim Atmen hat, sondern, weil sie zwischendurch mal aufstehen musste.

Irgendwann war die Nacht vorbei und nachdem Vater A. die ganze Woche gegen halb 8 aufgetaucht war, ließ er es am Samstagmorgen etwas ruhiger angehen. (Da hatte ja auch das "Arbeitsamt" zu.) Als er um halb 9 noch nichts von sich hatte hören lassen, war Mutter A. schon verärgert. Das jedenfalls schloss ich aus ihren immer häufigeren Fragen ans Kind "na, wo bleibt denn Dein Papa heute?" sowie aus folgendem Telefongespräch, von dem ich natürlich nur die von ihr geäußerten Teile wiedergeben kann. Ich vermute, dass der Anrufer ein Verwandter/Bekannter aus der Wohnumgebung war:

- Hi
- Wie, wie gehts? Bin am SICKEN!
- Ja, am SICKEN!
- Wo bleibt der Arsch? Kommt einfacht nicht! Klar bin ich da am Sicken!
- Der braucht gar nicht mehr kommen! Der hat bestimmt Weiber reingelassen! Wenn ich das mitkrieg, hau ich dem auf die Fresse!
- Der braucht gar nicht nach hier hin zu kommen, dem hau ich sowieso auf de Fresse.
- Da erzählt der sowieso wieder nur Scheiße, ich hau dem auf die Fresse!
- Ja, tschö.

Dass sie sich hinsichtlich der Lautstärke nicht unbedingt zurückhielt, brauch ich wahrscheinlich nicht zu sagen. Kurz darauf rief anscheinend die gleiche Person wieder an:

- Wat?
- Wie, auf dem Gelände? Wat braucht der denn da so lang? Der braucht eh nicht mehr hier hochkommen, sonst gibts was auf die Fresse!
Dann ging es im gleichen Gespräch kurz um etwas anderes, sie griff das Thema Besuch aber nochmal auf:
- Wo bleibt der denn jetzt? Siehste, wo soll der denn auf dem Gelände sein? Wär der doch schon längst hier! Ich sach dir, der braucht mich nie wieder ansprechen, sach dem, der soll blos nicht hier hochkommen, sonst knallt das aber richtig hier!

Sie hatte den Hörer noch am Ohr, da kam er rein:
- Wo kommst DU denn jetzt her, Mann?
- Von zuhause.
- Wie von zuhause? Wieso so spääät?
- Ich war noch einkaufen, hab Brötchen mitgebracht für Frühstück.
- Dat dauert doch nicht so lange! Was hast denn noch gemacht?
- Ich war bis 4 wach, konnte nicht schlafen, und um halb 7 ging schon der Wecker, und dann hab ich den nochmal ausgemacht und hab mich aufs Sofa gesetzt eine rauchen, und dann den Kopf so angelehnt und dann bin ich voll nochmal eingeschlafen. Halb 9 bin ich dann aufgewacht.

Nachdem sie irgendwann auch das Telefongespräch beendet hatte ("Der is jetzt hier, der Arsch") bekam sie auch die anderen Neuigkeiten erzählt. Dass um 12 noch zwei so Typen mit Kapuzen vor der Haustür am pfeifen waren, dass nachts jemand in ihrem Garten war, und Vater A. sich beim Rausgehen den Kopf am halb geöffneten Rollo angehauen hatte und die Typen dann wegen dem Lärm über den Stacheldraht und durch das Dornengestrüpp abgehauen waren, und dass wieder mal eine Schlägerei im Block war, und als die Bullen die Leute weggebracht haben, haben sie leise zu denen gesagt, "habt ihr aber gutgemacht".

Obwohl nur zwei Tage vorher die Visite mit einer größeren Gruppe von Medizinstudenten durchgeführt worden war, damit die jungen Leute mal die schlimmste Bronchitis der Station sähen, ging die Familie anscheinend davon aus, bald aus dem Krankenhaus entlassen zu werden. Am Freitagabend wurden schon Termine für Montagnachmittag gemacht. Samstagmorgen, noch vor der Visite, fragte Mutter A. Vater A., was der denn machen würde, wenn sie heute schon rauskämen: "Um 13 Uhr kommt McGyver, den kann ich dann ja noch sehen."

Eine Ärztin kam zur Visite und sagte mir, dass Nicolas noch einen Tag drin bleiben solle, morgen würde es aber wahrscheinlich klappen, wenn es mit der Heilung so weiterginge.

NJ hustete noch heftig und es sah aus, als sei es seit dem Vortag noch schlimmer geworden. Deshalb sagte die Ärztin, man müsse wohl noch mit ein paar Tagen Aufenthalt rechnen. Vater A. hätte es so hingenommen, aber Mutter A. hatte andere Vorstellungen von ärtzlicher Hilfe und Beratung:

A: Aber Sie haben doch gesagt, wir können nach Hause, wenn er kein Fieber mehr hat. Und jetzt hat er kein Fieber mehr.
Ärztin: Ja, aber sie höfren ja selbst, dass er noch sehr schlimm hustet und nicht richtig Luft bekommt.
A: Aber er hat doch kein Fieber mehr!
Ärztin: Das ist leider manchmal so, wir sollten ihn aber im Moment auf keinen Fall entlassen, so lange wir nicht sicher sein können...
A: Ich hatte von Anfang an gesagt, dass wir das Inhaliergerät zu Hause haben. Da können wir den selber inhalieren lassen.
Ärztin: Er muss im Moment noch 6 Mal täglich inhalieren. Das machen wir normalerweise nicht, dass wir die Kinder nach Hause lassen, wenn sie noch so oft inhalieren müssen. Mit der Inhalation werden ja auch hochwirksame Medikamente gegeben, und das kann man hier im Krankenhaus viel besser beobachten und steuern.
A: Wir können das schon machen, machen wir das eben 6 Mal am Tag. Wir wissen ja wie das geht.
Ärztin: Wir können ja mal versuchen, von 6 auf 5 Mal zur reduzieren, und dann sehen wir morgen, ob es besser wird, und sprechen dann nochmal darüber.

Der Vorschlag wäre für keinen normalen Menschen aufzuschlagen, und ich hatte mich sowieso schon auf eine weitere Nacht in deren Dunst eingestellt. Da aus den anderen Zimmern, die bei der Visite vorher dran waren, anscheinend einige Kinder entlassen worden waren, hoffte ich, vielleicht in ein anderes Zimmer wechseln zu können, aber die eine Nacht würde ich auch noch irgendwie aushalten. Mutter A. blieb aber dabei:

A: Sie haben gesagt, wenn er kein Fieber mehr hat, kann ich (!) nach Hause, und jetzt hat er kein Fieber mehr. Gestern war es schon viel besser, und jetzt ist es wieder schlimmer geworden mit dem Husten, da sind wir ja noch Monate im Krankenhaus, wenn das so weitergeht. Da geh ich lieber auf meine Veranwortung nach Hause.

-unglaubliche Logik!-

Ärztin: Ich kann ihnen nur unbedingt empfehlen, noch hier zu bleiben. Aber ich kann Sie nicht anbinden.
A: Nee, dann will ich auf jeden Fall nach Hause. Ich halt das hier nicht mehr aus. Ich werd sonst noch bekloppt hier!
Ärztin: Sie müssen sich aber bewusst sein, dass das dann wirklich auf Ihre eigene Verantwortung geschieht, was die Gesundheit von Ihrem Baby betrifft.
A: Ja, ja.
Ärztin: Auch finanziell, es kann vorkommen, falls das Kind jetzt nicht gesund wird, dass auch die Krankenkassen dann sagen, das wird teilweise nicht übernommen.
A (hörte nicht mehr zu): Ja.
Ärztin: Also, ich mach Ihnen mal Ihre Papiere fertig, Sie können ja in der Zeit noch mal in sich gehen, und dann entscheiden, was Sie machen möchten.
A: Nee, also ich hab die Entscheidung für mich schon gemacht. Wir gehen dann nach Hause.

Die Ärztin hatte keine Chance.

Arztin: Sie müssten zuhause dann auch unbedingt darauf achten, das Baby zu schonen. Sie sollten dann zum Beispiel möglichst wenig oder gar nicht rauchen:
Mutter A: Ich rauch sowieso nicht mehr.
Vater A: Ich hab mich sowieso schon eingeschränkt. Ich hab früher bestimmt 70 Zigaretten am Tag geraucht, jetzt rauch ich höchstens noch 20 oder 30.
Ärztin: Was Sie mit Ihrer eigenen Gesundheit machen, ist natürlich erstmal Ihre Sache, aber für das Baby sollten Sie auch drauf verzichten. Selbst wenn Sie nicht in der Wohnung rauchen, die Stoffe, die an der Kleidung zurückblieben, können dieses empfindliche System...

Sie hatte keine Chance, die Planung der beiden Eltern war schon woanders.

In dem folgenden Telefonat nach Hause gab Mutter A. Ihre Entscheidung bekannt, und wie sie sich gegen die Ärzting durchgesetzt hatte. Um das Kind ging es in dem Gespräch nicht, fünf Minuten lang aber darum, wer wie den Fernseher aus dem Krankenhaus abholen sollte.

In recht kurzer Zeit, aber mit jeder Menge Diskussionen, packten sie aus den Schränken und von unter dem Bett eine große Reisetasche und zwei vollgestopfte Plastiktüten zusammen.

Vater A: Warum hast Du das denn jetzt so gemacht, dass wir selber nach Hause gehen?
Mutter A: Ich hab Dir gestern schon gesagt, dass ich heute nach Hause gehen will.
Vater A: Wenn ich das gewusst hätte, hätt ich schon mal was von dem ganzen Müll hier mitnehmen können.
Mutter A: Ich hab Dir das doch gestern schon gesagt, Mann!

Mutter A. trug schließlich das Kind in einer Babytrageschale, Vater A. schob den Kinderwagen, in dem der Fernseher und die Reisetasche "saßen", und mühte sich ab, noch die zwei Plastiktüten irgendwie mitzubekommen.

Was Vater A. mit "dem ganzen Müll" gemeint hatte, sagte mir ein Blick unter deren Mutterliege, nachdem sie weg waren. Die Putzfrau holte mit ihrem Wischer einen ganzen Haufen Colaflaschen, Papierchen von Schokoriegeln, Chipsbrösel und jede Menge mehr unter dem Bett heraus. Eine unglaubliche Sauerei!

Eigentlich freute ich mich, dass sie weg waren, die Freude bleibt mir aber jetzt noch im Hals stecken, wenn ich an das Kind denke. Muss man so etwas dem Jugendamt sagen oder wird das vom Krankenhaus aus automatisch gemeldet? Wenn der kleine Wurm viel Glück hat, wird er wieder gesund. Mindestens genauso wahrscheinlich ist aber, dass in den nächsten Tagen wieder in ein Bonner Krankenhaus gebracht wird, mit einer noch schlimmeren Erkrankung, und möglicherweise wird er bleibende Schäden davontragen. Wie sieht die Zukunft so eines Kindes aus? "Wenn es nur der Virus wär..." hat für NJ noch viel mehr Bedeutung als für Nicolas und uns. Gegen den Virus könnte er sich mit Hilfe der Ärzte und Schwestern durchsetzen. Tatsächlich hat er aber auch noch den Kampf gegen Dummheit, Sturheit und Egoismus seiner Eltern zu kämpfen.

Bockbierbowle

- eine frage der richtigen mischung -

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